Mittwoch, Februar 09, 2011
Eine Frage der Definition
Anstoß zu diesem Beitrag hat mir das Buch StoryPower von Vera
F. Birkenbihl gegeben (Link
zu Amazon).
Darin stellt sie u.a. die Aufgabe: "Definieren Sie Materie!"
Mit dieser für mich hervorragend gewählten Aufgabe war ich wirklich
gefordert. Materie - Göddin, das kann alles sein! Bei Materie
denke ich an die vier Elemente bzw. an Erde, an alles Materielle, an
Besitz, an Hab und Gut, an Geld, Gold, sorgenfreies Leben. Bei Materie
denke ich aber auch an den Spruch "In die Materie (tiefer) eintauchen"
bzw. "Ahnung von der Materie haben" - also sich in einem bestimmten
Fachgebiet besonders gut auskennen bzw. einarbeiten. Ich denke aber auch
an das Weltall, schwarze Löcher, kleinste Teilchen, denke weiter an Material...
und das ist jeweils nur klitzkleiner Ausschnitt dessen, was mir zu Materie
einfällt.
Wie soll ich also Materie definieren? Ich brauch einen Bezugspunkt: In welchem Zusammehang ist es denn gemeint? In der Naturwissenschaft wird Materie sicher anders definiert als in der Philosophie. Und damit komme ich auf das Problem, auf das Frau Birkenbihl mit ihrer Frage aufmerksam machen wollte: Eine Definition ist keine allgemeingültige Wahrheit.
Ich erinnere mich an meine Schulzeit. In nahezu allen Fächern gab es für alles Mögliche Definitionen. Wir wurden im Allgemeinen dazu angehalten, die Definition, die uns diktiert oder an der Tafel vorgeschrieben (!) wurde, in unseren Heften dick zu umranden, besonders hervorzuheben. Und wir taten gut daran, solche Definitionen bis zur nächsten Unterrichtsstunde auswendig zu lernen. Denn wir konnten davon ausgehen, dass dies mündlich abgefragt werden würde - leicht verdiente Einser.
So haben wir mehr oder weniger unterschwellig in der Schule gelernt, dass eine Definition per Definition eine allgemeingültige Wahrheit beschreibt. Ich kann mich an keinen einzigen Fall erinnern, wo uns gesagt wurde, wer diese Definition aufgestellt hätte und zu welchem Zweck, mit welcher Absicht, mit welchem Hintergrund.
Heute finde ich das ziemlich absurd. Ok, bei manchen Gelegenheiten mag das schon stimmen. z.B. "Der Wert aller Waren und Dienstleistungen, die innerhalb eines Jahres in der Bundesrepublik Deutschland erbracht worden sind." Zu meiner Zeit war das die Definition von Bruttosozialprodukt. Heute nennt sich das Bruttoinlandsprodukt. Daran zeigt sich, dass es eben doch nicht die immerwährende Wahrheit ist.
Mathematik ist ein gutes Beispiel für "wahre" Definitionen. 1 + 1 = 2. Das wird mir weltweit bestätigt. Das weiß ein Straßenkind in Südamerika genauso wie der Dalai Lama. Das hatte im Antiken Griechenland genauso Gültigkeit, wie es Captain Picard in ein paar Jahrhunderten noch bestätigen wird :)
Was mir schon länger aufgefallen ist, dass ich für manche Begriffe meine eigene Definition habe. Die sich von der "allgemein gültigen" manchmal nur ein klein wenig unterscheidet, manchmal auch etwas mehr. So verwende ich z.B. den englischen Begriff "Power", wenn ich damit sowohl Macht als auch Stärke/Befähigung umschreiben will. Und "Toleranz" würde ich mit dem Satz formulieren: "Ich find's scheiße, was du tust, aber mach ruhig weiter." Deshalb halte ich auch nicht viel von Toleranz. Ich halte es da mehr mit Akzeptanz: Mein Gegenüber so anzunehmen/anzuerkennen, wie es ist.
Bei Wikipedia werde ich unter dem Begriff Definitionslehre fündig. Allerdings ist das auch nichts, was sich mal eben bei ner Tasse Cappucchino nebenbei schnell durchlesen (und begreifen) lässt.
Erstaunlich, was diese drei Worte "Definieren Sie Materie" an Gedanken in Bewegung gesetzt haben. Ich komme für mich zu dem Schluss, dass "Definition" zunächst einmal nichts weiter ist als ein "Glaubenssatz". Mag sein, dass dieser Glaubenssatz einem genaueren Hinsehen, Überprüfen, Hinterfragen standhält. Dann würde ich es als Definition durchgehen lassen. Doch mindestens genauso oft ist das eben nicht der Fall. Oder eben nur innerhalb eines festen Bezugsrahmens. Dann ist es aber wieder nicht allgemeingültig, nach meinem Verständnis also keine Definition.
Viel interessanter finde ich die Übersetzung "Glaubenssatz". Wenn es draußen kalt ist, regnet, den ganzen Tag nicht richtig hell wird, wird das im Allgmeinen als "schlechtes Wetter" bezeichnet. Man könnte auch sagen: definiert. Wenn ich aber eh vor hatte, an diesem Tag meine Steuererklärung zu machen, kommt mir das Wetter doch eigentlich sehr entgegen. Welches Wetter würde sich denn besser für mein Vorhaben eignen, als genau dieses? Wäre es in diesem Fall nicht eher angebracht, von "optimalem Wetter" zu reden? Auch hier spielt wieder der Bezugsrahmen die entscheidende Rolle.
Frau Birkenbihl hat mir mit ihrer kleinen Aufgabe einen großen Dienst erwiesen. Denn nun habe ich einen Anker gesetzt. Wann immer das Wort "Definition" auftaucht, werde ich jetzt hellhörig: Wer sagt das? Warum? Mit welchem Hintergrund? Jedenfalls wird mich das Wort nicht mehr ehrfürchtig erstarren lassen: Achso, das ist die Definition... na dann... Jetzt tauchen zunächst eine Reihe von Fragen auf, anhand derer die "Definition" abgeklopft wird. Hält sie stand, ist es akzeptiert. Tut sie es nicht - war's ja gut, dass ich nachgehakt habe.
Und wie ist das mit den eigenen "Definitionen"? Den Glaubenssätzen? Ich denke, wir tun gut daran, diese ebenfalls aufzuspüren und zu hinterfragen. "Immer mache ich alles falsch!" - Der Satz enthält gleich zwei Wörter, an denen sich Glaubenssätze identifizieren lassen: immer und alles. Gerne verwendet wird auch "Nie gelingt mir etwas." Und ich wage an dieser Stelle zu behaupten, dass keiner der beiden Sätze wahr ist. Niemand macht immer alles falsch. Und jedem Menschen ist irgendwann einmal schon etwas gelungen.
Doch damit ergibt sich schon wieder ein neues Themas. Wenn du mehr darüber lesen willst, bemühe eine Suchmaschine, da wirst du auf jeden Fall fündig werden. Das oben erwähnte Buch von Frau Birkenbihl will ich abschließend noch wärmstens empfehlen.
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