Zauberweibs Gewerkel

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Montag, 24 Juni, 2013

Harald Welzer: Selbst denken

Eine Anleitung zum Widerstand - so der Untertitel. Harald Welzer hat weder einen Psychologie-Ratgeber noch eine Anleitung zur Rebellion geschrieben - obwohl, letzteres vielleicht ein bisschen schon. (buecher.de)

Das Problem ist ganz simpel: Jeder ist heutzutage klar, dass wir Menschen unsere Lebensgrundlage zerstören und vernichten, wenn wir so weitermachen wie bisher. Luft, Boden, Wasser, Pflanzen, Tiere. Und am Ende gehen wir selber drauf. Aber irgendwie ist es sehr schwer gegen das "das haben wir schon immer so gemacht" anzukommen. Das gilt im Kleinen wie im Großen.

Doch genau das müssen wir schaffen - und dazu ist es erforderlich, dass wir - du und ich und alle - ganz konkret etwas unternehmen. Wir müssen unseren Ressourcenverbrauch reduzieren. Und wir müssen begreifen, dass es dabei nicht ums Geldsparen geht - das wir woanders dann mehr ausgeben, also unterm Strich keinerlei Ressourcen gespart wurden. Es geht darum, nicht sinnlos Müll zu produzieren. Nicht sinnlos Ressourcen zu verschwenden.

Passend dazu hat das Umweltbundesamt eine Vielzahl von Energiesparpaketen zur Verfügung gestellt. Enthalten sind ein Stromverbrauchs-Messgerät und ein Verlängerungskabel (und natürlich eine Anleitung). Diese wurden an Bibliotheken geschickt, die sich dafür gemeldet hatten und können dort nun kostenlos entliehen werden. So macht das gleich doppelt Sinn: Erstens kann jede auf einen Blick feststellen, wo die Stromfresser sitzen (Unser TV-Receiver verbraucht im Standby-Betrieb fast genauso viel wie im laufenden Betrieb!) und durch Zwischenschalten von Steckdosenleisten mit Ausschaltern unnützen Stromverbrauch abschalten :) Zum Zweiten wird durch das Leihangebot vermieden, dass sich tausend Menschen tausend Geräte kaufen, die eine doch nur für einen bestimmten Zeitraum braucht, um die Messungen durchzuführen. Bei dem angegebenen Link gibt es auch eine Liste der Verleihstationen. Falls in eurer nächsten Umgebung keine Bibliothek dabei ist, einfach dort mal nachfragen, warum sie nicht mitmachen :)

Dass Größenwahn sowas von out ist, hat sich leider noch nicht überall rumgesprochen. Da hat doch tatsächlich neulich ein nicht unbekannter Bilderhochladedienst sein Free-Angebot auf tausend Gigabyte pro User erhöht. Ein Terabyte! Haben die sich jetzt ihr eigenes AKW gebaut, um die ganzen Rechner, die dafür nötig sind, betreiben zu können? Ein Terabyte - das ist wirklich uferloser Schwachsinn. Sorry, aber wie sollte man das anders benennen? Es führt dazu, dass wirklich jeder Mist hochgeladen und geteilt wird. Und das selbstverständlich in Maximalgröße, was das Internet insgesamt wieder lahmer macht. Sorry, aber einen Schnappschuss von der Katze will ich wirklich nicht in 8 MB ansehen müssen. Fürs Web reichen Dateigrößen vom maximal 500 KB (also 0,5 MB) mehr als absolut ganz sicher und bestimmt aus. Auch die Angebote von einigen Blogsoftware-Anbietern, hochgeladene Bilder sofort in mehrere Stufen zu verkleinern, vergrößert nur das Problem. Denn statt einer Datei mit 2 MB liegen nun zusätzlich noch eine mit 500 KB und mindestens noch eine mit 20 KB rum. Also lieber vorher überlegen, ob es wirklich die große Fassung sein muss. Meinen Account bei dem größenwahnsinnigen Bilderhochladedienst habe ich jedenfalls gelöscht. Nee, da mach ich nicht mit.

Da lobe ich mir die Telekom! Echt und ernsthaft - ich hätte nie gedacht, dass ich sowas mal schreiben würde. Die haben vollkommen recht, dass die kleine geringe Menge an Surfern, die die große extreme Masse Datenvolumen benötigen, dafür auch extra zahlen sollen - oder eben gebremst werden. Es ist dabei von ca. fünf Prozent der Nutzer die Rede. Und wer übers Internet fernsehen will, darf dafür auch ein bisschen mehr zahlen. Ich halte das für absolut gerechtfertigt und vor allem auch den "Normal-Usern" - also den anderen 95 Prozent - gegenüber nur fair.

Liebe Telekom: Weiter so! Ehrlich. Ihr habt erkannt, dass "immer mehr" einfach nicht mehr drin ist. Wir müssen einen Schnitt machen und schauen, dass wir mit dem zurecht kommen, was da ist, was wir haben.

Und so will ich wieder auf den Ausgangspunkt zurückkommen, das Buch von Harald Welzer. Es geht ja nicht nur um Energie, sondern um alle Bereiche des Lebens. Sich einfach mal vor Augen halten, was mit wie viel Aufwand erzeugt wurde. Welche zu erwartende Lebensdauer es hat. Und was damit danach geschieht. Vielleicht lässt sich die eine oder andere Anschaffung dadurch noch ein Weilchen vertagen. Der Autor zeigt viele Beispiele auf, die längst funktionieren und die Spaß machen. Er macht Lust darauf, den eigenen Alltag darauf hin zu untersuchen, ob sich was hinsichtlich Ressourcenverbrauch - welcher Art auch immer - optimieren lässt. Und davon profitieren wir unterm Strich alle. Er zeigt auch die "Schattenseite" auf: Wenn weniger produziert wird, werden weniger Arbeitsplätze benötigt. Anders gesagt: die Produktion kann wieder unter dem Aspekt der Qualität laufen, Langlebigkeit ist erwünscht. Die Arbeiterinnen haben dann zwar weniger Geld, weil weniger Arbeit. Aber dafür mehr Zeit. Zeit, sich mit dem Sozialen Kitt zu befassen. Vielleicht finden sich Wege einer nachbarschaftlichen Kinderbetreuung - wenn in jedem Haushalt an ein bis zwei Tagen sicher ein Elternteil zu Hause ist? Oder es wird ein Tauschmarkt organisiert - jede hat eine Menge Dinge rumliegen, die zum Wegwerfen eigentlich zu schade sind und eine andere würde sich vielleicht darüber freuen. Es gibt sooo viele Ideen und Ansätze. Wir müssen nur den Mut finden, es einfach mal zu probieren.

Ich kann die "Anleitung zum Widerstand" nur empfehlen, und wenn du eh schon in der Bibliothek das Energiesparpaket ausleihst, kannst du ja mal fragen, ob es auch das Buch dort gibt. :)

Zauberweib am Montag, 24 Juni, 2013 * Kategorien: Angedachtes
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