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26 Januar 2008

Der rote Faden - eine Geschichte

Weißt du, eigentlich war alles ganz anders. Kein Wunder, dass wir in der Geschichtsschreibung fehlen. Weil etwas aufzuschreiben die männliche Art des Denkens ist. Wir erzählen lieber. Und wenn sich eine Geschichte dabei im Lauf der Jahrhunderte verändert - welche kümmert es. Hauptsache ist doch, dass wir die Geschichten verstehen. Und aus diesem Verständnis heraus weitererzählen können. Was intressiert es da schon, ob eine Geschichte mit historischen Fakten übereinstimmt?

Das Dumme an der Geschichte ist - dass wir totgeschwiegen wurden. Das hatten wir wohl nicht so recht bedacht. Und uns in mancherlei Hinsicht unterkriegen lassen. Vordergründig. Wir haben verlernt zu erzählen. Und wir haben verlernt zuzuhören. So haben wir uns verloren: uns selber und einander. Doch da alles im Leben zyklisch aufgebaut ist, ist es nur logisch, dass unsere Zeit wieder gekommen ist. Dennoch ging eine Menge verloren. Aber das macht nichts, nicht wirklich, denn im Erfinden waren wir schon immer brilliant.
Und im modifizieren.
Deshalb kannst du diese Geschichte hier auch lesen - und bekommst sie nicht, wie eigentlich üblich, erzählt. Du musst sie nur verstehen. Ob sie durch deine Augen oder durch deine Ohren in dein Herz gedrungen ist, ist dabei weniger von Bedeutung. Und du darfst es dir nicht so leicht machen, sie einfach zu kopieren.
Die Mühe des Erzählens müssen wir uns schon machen. Wie will eine Geschichte sonst lebendig bleiben? Sei kreativ, es muss ja nicht nur ein Nacherzählen sein: du kannst die Geschichte auch weiterspinnen. Mach es einfach, wie es dir richtig erscheint. Dann ist es auch richtig.

So und jetzt komm ein bisschen näher an der Kreis, setz dich auf deinen Blutstein und höre die Geschichte dieser Höhle, die auch die Geschichte der Weiber ist. Und auch deine, denn nun bist du mittendrin.

Diese Höhle hier gibt es schon seit Anbeginn der Zeiten... aus ihr wurde der gähnende Abgrund des Nichts geboren, aus dem alles entstanden ist. Und seit es uns Frauen gibt, kommen wir hierher, alle heilige Zeit und erzählen und lachen und machen verrückte Erfindungen und lassen unser Blut zusammen fließen. Jede, die hierher kommt, kriegt ihren eigenen Platz, ihren Blutstein. Dort wird sie fortan immer sitzen, wenn sie blutet; in dünnen oder breiten Rinnsalen läuft es zur Mitte in den Kreis.
Über die Jahrtausende hat sich ein bleibendes Muster der Blutwege gebildet, manches verblasst, neues kommt hinzu. Es ist ein unendliches Netz des Lebens, der Leidenschaft, der Liebe und der Kraft.
In der Mitte rinnt alles durch ein kleines Loch - siehst du es? Doch das Blut verschwindet nicht einfach darunter, sondern es läuft weiter, es reinigt sich selbst und lädt sich auf. Gibt Nährstoffe ab und sammelt andere auf. Durchdringt die Erde, das Wasser und erfüllt Pflanzen und Bäume bis es an der Luft verdunstet und wir es wieder einatmen. Stell es dir vor, welche Wege das Blut nimmt, wo es überall hinkommt - und wie wir dadurch wirklich und wahrhaftig alle miteinander und mit allem verbunden sind.

Doch denke nicht, dass nur wir unser Blut an die Erde zurück geben, auch die Männer tun dies. Allerdings eher auf Schlachtfeldern. Im Streit und im Hass. In Neid und Gier. Auch dies ist nötig, versteh mich bitte nicht falsch. Aber wir sind aus dem Gleichgewicht gekommen. Es ist ein guter Weg zu versuchen, dass die Männer freundlicher zu einander werden und es weniger Blutvergießen gibt. Unbedingt erforderlich ist es aber, dass vor allem wir selber wieder unser Blut der Erde schenken, es der Großen Göttin zu Ehren opfern.
Aus welchen Gründen auch immer - und mögen die Ausreden noch so gut sein - bedenke bitte immer dies: WIR haben aufgehört, zusammen zu bluten und zu weben. Deshalb können auch nur wir selber an der Situation etwas ändern.

Spürst du die Stärke? Fühlst du die Verbundenheit? Schau dir genau das Muster an, das unsere Blutfäden weben. Du bist dabei, du bist ein Teil davon, webst dieses Muster mit, bindest deine Leidenschaft mit ein.
Es geht nicht darum, immer stark zu sein - was bedeutet das schon? Deine Grenzen zu erkennen und um Hilfe zu bitten, ist schließlich auch eine Stärke. Denke daran, dass alles was du wahrnimmst, ein Teil deiner Kraft ist. Sie beschreibt, sie bewirkt und sie verändert. Deine Wahrnehmung nährt dein Blut. Und durch dein Blut bist du mit allem verbunden. Mit allem, was war, ist, und sein wird.

Hier in dieser Höhle wurde der erste Funke geschlagen. Hier haben wir das Feuer entfacht. Es brannte lange lange Zeit nur hier drinnen. Kannst du dir das vorstellen? Dieses Gefühl, gleich einem Blitz, gleich dem Vulkan, Feuer hervorbringen zu können? Diese Freude, dass es immer und immer wieder funktionierte. Welchen Spaß wir hatten, als wir uns gegenseitig verschiedene Techniken beibrachten. Stein auf Stein. Holz auf Holz. Trockenes Gras und altes Fell. Wir froren und wir wollten Licht. Die Göttin schenkte uns die Fähigkeit des Feuermachens. Für dieses große Geschenk waren wir mehr als dankbar. Wir schufen die Göttin des Feuers, um die Göttin auf diese Art ganz besonders zu Ehren. Und wir achten auf die Flamme. Das Feuer, das dort hinten brennt, ist hundertausend Jahre alt. Es hat alle Generationen von Frauen gesehen. In ihm haben wir das erste Fleisch gebraten. Und der Göttin zu Ehren verspeist.

Es war diese Höhle, in der wir die erste Spindel schufen. Und gleich danach den Webstuhl. Wir sind auf die Idee des Mahlens gekommen. Haben den Mühlstein erschaffen und das erste Brot gebacken. Auch wenn dies noch verbrannt war, wussten wir damit doch wenigstens, dass wir einen Ofen brauchten. Also bauten wir einen Ofen.
Die Männer staunen noch immer - selbst heute noch - mit welchen Ideen wir aus der Höhle zurück kommen. Ideen, die sie durch Niederschrift an sich gerissen haben. Sich zu eigen gemacht haben. Oder hast du dich noch nie gefragt, weshalb sie immer "Beweise" fordern? Sie verlangen nach einer schriftlichen Bestätigung. Wohl wissend, dass die Schriften ihnen Recht geben werden. Da sie sie geschrieben haben. Um uns zu entmachten.

Doch wir können uns rückbesinnen, uns wiederfinden. Zusammen finden, erinnern. Bruchstücke neu erzählen und zusammenweben. Mythen neu erschaffen. Unserer Kraft Ausdruck verleihen. Was kümmert es uns, wenn die Männer ihre Beweise fordern und uns belächeln, weil wir sie nicht bringen können? Wir wollen sie gar nicht bringen, denn unsere Geschichten sind wahr - würden sie sonst existieren? Lassen wir uns nicht länger beirren und weben unser Netz. Flicken wir die losen Enden wieder aneinander. Und weben neue Fäden ein, wo alte unwiederbringlich ausgerissen und verbrannt sind. Es liegt in unserer Hand. In deiner und meiner. Wir sind die Schöpfung, wir sind die Göttin in ihrer irdischen Erscheinung. Wir haben alle Kraft die wir brauchen.

Wenn du für dieses Mal aufhörst zu bluten, hol dir dort hinten einen dieser roten Steine aus dem Felsen. Such dir den aus, der dir am besten gefällt. Und mach dir keine Gedanken, ob der nun zu groß oder zu klein oder zu sonstwas ist. Nimm einfach den, der dir passt. Ja, das sind Rubine. Eine regelrechte Ader. Und du musst dir wirklich keine Sorgen machen, dass diese irgendwann versiegen würde. Denn erstens ist diese Höhle für Männer tabu. Und zweitens wird es Rubine geben, solange es blutende Frauen gibt. Das Blut unserer Ahninnen hat sich darin verewigt. Siehst du die Funken, den Schimmer, die Leidenschaft die dieser Stein ausstrahlt? All das ist auch in dir. Denn dieser Stein ist ein Teil von dir. Von uns.

Es ist noch längst nicht alles gesagt, es gibt noch so viel zu erzählen über die Höhle und über uns Frauen. Doch für heute bin ich müde, jede Geschichte muss ihr Ende haben. Diese hat ihr Ende in einem neuen Anfang. Ich gebe die Fackel der Ahnin weiter an dich - führe du die Geschichte fort...

Literaturtipps: (Links verweisen auf amazon.de - gewerbliches Angebot)

Gray, Miranda: Roter Mond Von der Kraft des weiblichen Zyklus - meine allerwärmste Empfehlung zu diesem Thema!

Blume, Judy: Die Regel eine herbeigeredete Krankheit - obwohl schon von 1985 (und derzeit leider nicht lieferbar) hat es doch bis heute volle Gültigkeit. Frau erfährt allerlei Wissenswertes und Wunderliches über die Regel und deren (auch gesellschaftlichen) Begleiterscheinungen. Ganz toll find ich hier den meditativen Zugang. Wenn dir das Buch also zufällig mal über den Weg läuft: zugreifen.

Northrup, Christiane: Frauenkörper, Frauenweisheit Wie Frauen ihre ursprüngliche Fähigkeit zur Selbstheilung wiederentdecken können - nicht ganz billig, dafür aber ein wiklich umfassendes Nachschlagewerk. Tipp: vielleicht gibt es das ja in deiner Bücherei zum Ausleihen.

Voss, Jutta: Das Schwarzmond-Tabu Die kulturelle Bedeutung des weiblichen Zyklus - hier wirds historisch und mythologisch (was ja nicht wirklich trennbar ist. Nicht in einem weiblichen Universum). Die Autorin hat eine Unmenge zur Schweinegöttin zusammengetragen und dem damit im Zusammenhang stehenden Zyklus.

Linktipps:

Weil wir grad bei der Schweinegöttin sind: im gynozentrischen Knistern gibts eine wundervolle Abteilung wilde Säue.

rotermond.de darf an dieser Stelle natürlich keinesfalls fehlen. Neben Infos und Geschichten ist hier auch das bereits oben genannte Blutmond-Forum beheimatet.

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Letzte Änderung: 26 Januar 2008 20:06
Themen: GeWerkel, SpiRitual
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