Zauberweibs Gewerkel

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Donnerstag, 18 Januar, 2007

Freya

Freya begleitet mich immer wieder auf meinem Weg. Ab und an zieht sie sich zurück, um anderen Aspekten der Göttin Platz zu machen, damit ich von ihnen etwas lernen kann. Doch immer wieder meldet sie sich eindrucksvoll zurück.

Freya ist eine Göttin der germanischen Mythologie, genauer ist sie eine Wanin, die nach dem Krieg zwischen den Asen und den Wanen nach Asgard ausgetauscht wurde. Obwohl offiziell ein Patt zwischen den Eroberen und den Einheimischen beschlossen worden war, waren die strategischen Sieger dennoch die Eroberer. Etwas, das sich so auch in unseren Geschichtsbüchern wiederfindet: die alte frauenzentrierte Gesellschaftsform wurde überall von den erobernden Patriarchen abgelöst.
Auch wenn es wissenschaftlich umstritten ist, denke ich dennoch, dass der Kampf Asen-Wanen genau dies ausdrückt.

Freya ist die Tochter von Njörd und Nerthus (die wiederum mit Fjörgynn gleichgesetzt wird, welche die Mutter der asischen Frigg ist). In ihrer Heimat regierte sie zusammen mit ihrem Brudergatten Freyr. Eine solche Verbindung war jedoch in den Augen der Asen sittlich verwerflich und musste nach dem Krieg aufgelöst werden.

Freya hat mit Od(r) zwei Töchter: Hnoss und Gersimi. Od war viel unterwegs (Odins Aspekt des Wanderers auf Midgard) und so weinte sie bittere Tränen aus Sehnsucht. Laut B. Walker wird der Bernstein im Baltikum "Tränen der Freya" genannt - ob diese Tränen hiermit gemeint sind?

Trotz dieser Verbindung ist Freya immer eine freie Frau geblieben. So hat sie z.B. mit vier Zwergen aus Swartalfheim je eine Nacht verbracht (die vier Elemente?). Als Gegengeschenk hat sie dafür ihren wundervollen Halsschmuck Brisingamen erhalten.
Gegen Lästereien war sie immun. Lokis Reden vor versammelter Mannschaft über ihren "unsittlichen" Lebenswandel (der - nebenbei bemerkt - bei Männern natürlich keineswegs als unsittlich betrachtet wurde) bewegten sie nicht einmal zu einem gelangweilten Gähnen. Sie muss sich nicht rechtfertigen. Sie tut was sie tut. Sie ist einfach sie selbst.
Verstanden haben das die Herren Asen nie - so fremd war ihnen damals wohl schon der Lebenswandel einer Freien Frau. So kam es, dass der Riese Thrym Thors Hammer gestohlen hatte. Lokis Plan war, Freya dem Riesen zur Frau zu geben (da sie ja eh ein sexgeiles Weib war), und im Austausch dafür sollte Thor seinen Hammer wieder bekommen.
Freya hat den Typen gezeigt wo der Hammer hängt. Oder wo sie ihn sich hinstecken konnten :) Sie hat Zeter und Mordio geschrien und ihrer Wut und ihrem Zorn freien Lauf gelassen. Jemand wagte es, sie verschachern zu wollen? Für eine Freie Frau der Gipfel der Unverschämtheit! Am Ende musste Thor selbst in Frauenkleidern zu dem Riesen gehen. Nähere Details will ich hier nicht ausführen *g* - aber er hat seinen Hammer wieder bekommen.

Obwohl Frigg und Freya zwei verschiedene Göttinnen sind - oder sein sollen - sehe ich beide in einer verbunden. Die vielen Ähnlichkeiten z.B. bezüglich ihrer Attribute sollen z.T. auf Verwechslungen wegen ihrer Namensähnlichkeit zurückzuführen sein. Ich denke aber, auch anders herum wird ein Schuh draus. Frigg ist die perfekt domestizierte Frau, ein Musterbeispiel. Und doch mit gerade soviel Macht und Eigensinn ausgestattet, dass diese Manipulation seitens der Patriarchen nicht auffällt und für sie dennoch zu ertragen ist.

Wie schon erwähnt, ist Frigg die Tochter der Fjörgynn - welche (zumindest in einigen Quellen) mit Nerthus gleichgesetzt wird - der Mutter von Freya. Frigg ist die "Schicksalswebende Göttermutter" an der Seite Odins. Ihre Kinder sind Hermod, Bragi, Hödur und Balder (und die Walküren?). Auch sie weinte bittere Tränen um Balder, der von einem Mistelzweig erstochen wurde. Es war sein Schicksal, welches Frigg vorausgesehen hatte. Dies wollte sie nicht hinnehmen, also nahm sie allen Pflanzen das Versprechen ab, ihm kein Leid zuzufügen. Loki bekam davon Wind, vor allem davon, dass Frigg die unschuldige Mistel vergessen hatte. So machten sich die Götter - angestachelt von Loki - einen Spaß daraus, auf Balder zu zielen, der es sich gutmütig gefallen ließ. Bis Loki dem blinden Hödur einen Pfeil aus einem Mistelzweig in die Hand drückte. Das war es dann. Auch Frigg weinte bittere Tränen (vgl. Freya) und stieg sogar in die Unterwelt, um ihren geliebten Sohn zu retten. Doch auch hier machte ihr Loki einen Strich durch die Rechnung. "Schuld" war Loki übrigens nicht. Er war lediglich der Vollstrecker des Schicksals. Schließlich sollte die Geschichte zeigen, dass sich auch die Götter an ihre eigenen Gesetze halten müssen.

Beide - Frigg und Freya - besitzen einen Mantel aus Falkenfedern (oder es ist derselbe, den sie sich gegenseitig ausleihen?), mit dessen Hilfe sie fliegen können. Beide sind Fruchtbarkeitsgöttinnen, wobei der Schwerpunkt Friggs auf Schwangerschaft, Geburt und Mutterschaft liegt und der Freyas in der Sinnlichkeit, Erotik und Lust.
Aber ist diese strikte Teilung nicht schon wieder ein Hinweis auf die patriarchale Übernahme? Gut - Böse, Frigg - Freya: Hausfrau, Mutter und liebende Tochter erwünscht, aber sinnliches Weib - nein Danke? Fragt sich nur, wer da das starke Geschlecht ist, wenn die Männer vor dem angeblich schwachen doch offensichtlich Angst haben.

Weitere Attribute von Frigg:

Spindel und Spinnrocken, Hausschlüssel
Reiher, Spinne, Schnecke, Storch
Holunder, Flachs, Erle

Der Schlüssel ist ein altes Machtsymbol. Er eröffnet sowohl den Zugang zu anderen Welten (und den verschlossenen Tiefen deines Selbsts) als er auch Zeichen der Hüterin des Hauses ist. Noch heute ist es ein beliebter Brauch, nach der kirchlichen Trauung den Segen nach Hause zu bringen. Vor der Tür angekommen, muss das Brautpaar aber erst ein Glas Sekt trinken. Wer es zuerst bis auf den letzten Tropfen geleert hat, bekommt den Schlüssel und somit die häusliche Macht.

Weitere Attribute von Freya:

Brisingamen, Wagen mit Katzen
Katze, Wildsau, Schwan, Marienkäfer
Linde, Schlüsselblume, Frauenträne

Frigg wird übrigens mit Holla (Frau Holle) gleichgesetzt. Und zumindest in dieser Form kommt ein bisschen mehr ihrer Wildheit zutage ("Wilde Jagd").
Dafür wird Hel als ein Aspekt Freyas gesehen - die ja auch wieder "irgendwie" mit Holla zusammenhängt.

Daher komme ich für mich zu dem Schluss, dass Frigg und Freya ein und dieselbe Göttin sind. Nur dass die eine sich noch etwas von ihrer Ursprünglichkeit bewahren konnte, die andere die patriarchal zugerichtete Form derselben ist.
Offenbar war es für die Asen undenkbar, dass eine Freie Frau auch fürsorgliche Mutter sein konnte (oder umgekehrt), so dass tatsächlich jeglicher Mutteraspekt bei Freya fehlt. Es grenzt schon fast ein Wunder, dass ihre Töchter überhaupt erwähnt worden sind - sind ja immerhin eh nur Töchter.

Freya - eine dreifache Göttin

(ab hier meine ich mit Freya immer "meine" Freya, also um Frigg/Holla "erweitert")

Freya ist mit genügend Attributen ausgestattet, und es sind soviele Aspekte von ihr bekannt, dass behauptet werden kann, dass sie eine dreifache Göttin ist. Und "muss" letztlich nicht jede Göttin diese Dreiheit verkörpern? Jede Frau auf dieser Welt, verkörpert dies doch ebenso:

Ein rein äußerliches Zeichen für diese Übergänge ist die Blutung - das passt auch farblich sehr gut zusammen.

Damit ist sie natürlich auch eine Mondgöttin, und sie deckt in ihrer Zuständigkeit wirklich alle Lebensbereiche ab: Kreativität und Fruchtbarkeit, Heilung und Transformation, Divination und Handel, Kräuterwissen und Handwerk, Dichtung und Fürsorge. Und Seidr-Magie.

Als Freya noch mit Freyr Wanaheim regierte, zählten zu ihren Attributen auch ein Kessel mit Met (der dann irgendwie wohl als Kriegsbeute bei Odin gelandet war), Glöckchen/Schellen, der Apfel und das Füllhorn. Zuweilen sollen auch Ziegen anstelle von Katzen ihren Wagen gezogen haben.

Freya ist eine mehrdimensionale Göttin aus vorpatriarchaler Zeit

Mit diesen Aspekten lässt sich wunderbar arbeiten, um der ursprünglichen Wilden, Freien Frau wieder auf die Schliche zu kommen. Gerade die Geschichte mit dem Austausch an den Riesen Thrym ist praktisch 1:1 auf die Jetztzeit übertragbar. Noch immer wird die Frau vom Vater in die Obhut des Mannes übergeben. Noch immer kommt sie "unter die Haube" - auch wenn frau heute doch schon weitestgehend selber bestimmen kann, wen sie heiratet. Aber tut sich das auch wirklich? Oder tauscht sie ihre Frey-heit ein gegen die "Sicherheit", die sie als verheiratete Frau im Patriarchat hat?
Gibt es diese Sicherheit aber wirklich? Klar, aus rein steuerlich-finanziellen Gründen gibt es die. Sich als Frau die Freiheit bewahren ist teuer. Als Alleinerziehende gar kaum noch zu bewältigen, wieder die Abhängigkeit, diesmal von "Vater" Staat.
Und was ist mit dem Schutz der Privatsphäre? Ist frau sicher in ihrem Türmchen, oder ist es ihr Gefängnis? Lassen die Mauern niemanden rein, oder keine raus?

Gerade durch die Trennung der Frau in Mutter und Hure (Frigg und Freya) ist die Sinnlichkeit immer mehr in Vergessenheit geraten. Etwas von dem, was im Turm eingesperrt ist, und unter der Oberfläche brodelt, aber unter allen Umständen weggesperrt bleiben muss. Eine Frau kann doch schließlich nicht einfach die Sau rauslassen. Dabei wäre es genau das, was Heilung verschafft, verschaffen kann. Heilung, die noch immer dringend nötig ist.
Freya alleine entscheidet, mit wem sie sich vergnügt oder auch nicht. Sie tut es auch nicht aus Berechnung, sondern immer aus Liebe und Leidenschaft. Oder hätten die Zwerge sich wegen eines schnellen Nümmernchens wirklich so ins Zeug für sie gelegt? Wohl kaum!
In dem wir die Sau raus lassen, helfen wir der Wilden Frau ein Stückchen bei der Geburt. Und so nebenbei unserer eigenen Transformation.

Meine persönliche Meinung ist ja, dass das die Arbeitsweise der Göttin an sich ist. Sie wartet doch nicht, bis es irgendwann "in" ist, sich die Göttin aufs Tshirt zu malen. Schließlich ist die Göttin auch eine handelnde. Sie beschließt, dich zu besuchen. Sie stellt fest, dass du jetzt "dran" bist, "reif" bist - nenn es wie du willst. Sie wird dich solange nerven, bis du ihr zuhörst. Dann findet zwangsläufig die erste Tranformation statt, da dein vorhandenes ach so sicheres Weltbild zusammenbrechen muss.

Unter dem Aspekt der Seherin lehrt sie dich sehen. Die erste Lektion wird sein: sieh hin. Stell dich vor den Spiegel und sieh hin. Schau dich selber an. Von außen und von innen. Lerne erst dich selber zu sehen, zu erkennen, bevor du (für) andere sehen willst.
Das heißt, dass du es nicht nicht mehr so bequem machen kannst, und vor hässlichen Dingen die Augen verschließen. Oder Unschönes unter den Teppich zu kehren. Nee, da wird erst mal klar Schiff gemacht. Und dazu braucht es allen Mut, den eine aufbringen kann: den Mut, den eigenen Ängsten ins Gesicht zu sehen.
Heute wird hierfür auch gern der Begriff "Schattenarbeit" verwendet. Auch hier findet wieder Heilung und Transformation statt. Wieder wirst du ein Stück ganzer, kommst wieder ein Stück näher zu dir. Deinen Priesterinnenbrief für diesen Bereich hast du dann in der Tasche, wenn du es schaffst, dich selber bedingungslos und aufrichtig zu Lieben.

Der Kriegerinnenaspekt bedarf auch einer dringenden Generalüberholung. Wir haben es verlernt, zu kämpfen, unsere Kräfte sinnvoll einzusetzen. Wir vergeuden sie mit Mobbing, kleinlichen Rachegedanken, anstatt Nägel mit Köpfen zu machen. Doch Freya lehrt uns, auf der Sau zu reiten, und sie nicht durchgehen zu lassen - und uns gar von ihr überrumpeln zu lassen. Eine wütende Frau ist in der Lage ganze Welten zu bewegen - wenn sie es schafft, ihre Wut zu kanalisieren und zu lenken. Freya kann dir dabei helfen. Doch als Kriegerin fordert sie ein Opfer von dir: du musst die Opfer-Frau, dein altes ich, töten, damit die Wilde Frau herauskommen kann.

So dienen alle Aspekte letztlich zur Heilung. Und zwar in erster Linie der eigenen. Dass das Auswirkungen auf dein Umfeld haben kann (und haben wird), ist eigentlich nur ein Nebeneffekt.

Nach der germanischen Mythologie gibt es noch mehr (namentliche) Aspekte der Freya

Literaturtipps: (Alle Buchlinks verweisen auf buecher.de - gewerbliches Angebot)

Göttner-Abendroth, Heide: Die Göttin und ihr Heros - gehört schon zu den Klassikern, hilft dabei, hinter die Fassaden zu sehen. Umfasst so ziemlich alle Götterpaare quer durch Raum und Zeit

Metzner, Ralph: Der Brunnen der Erinnerung - Hier beschreibt u.a. eine Frau ihre Erfahrungen/Auseinandersetzungen mit Freya. Unbedingt lesenswert!

Voenix: Weltenesche - Eschenwelten - eine Fundgrube zur germanischen Mythologie mit übersichtlichen Steckbriefen zu jeder Gestalt. Die zugehörigen Karten am besten schenken lassen!

Zauberweib am Donnerstag, 18 Januar, 2007 * Kategorien: Spirikram
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Freitag, 19 Januar, 2007

Hestia * Vesta

(Dieser Artikel wurde erstmalig in der Ausgabe 15 (pdf) des Schlangengesangs veröffentlicht)

Hestia ist die griechische, Vesta die römische Version der "Göttin des (Herd)Feuers". Wie bei den meisten anderen Gottheiten der beiden Pantheone können auch diese nahezu gleichgesetzt werden. Sie wurden als das Feuer verehrt, es war eine bildlose Verehrung. Von Vesta existieren einige wenige Statuen seit Ende des 2. Jh., dies jedoch eher aus politischen Gründen.
Beide wurden bereits vor der Eroberung durch die Griechen bzw. Gründung Roms vor Ort verehrt. Beiden wird eine alte Linie zuerkannt, so ist Hestia die Erstgeborene von Rhea und Kronos/Saturn - die älteste Schwester des Zeus also. Über Vestas Genealogie ist nichts bekannt, immerhin jedoch soll Rhea-Silva, Mutter des Rom-Gründers Romulus, eine oder die erste Vestalin (Priesterin der Vesta) gewesen sein.

Die doppelte Nennung der Rhea macht nachdenklich. Dies führt zwar unweigerlich ins Land der Spekulation und Vermutung, dennoch wird sowohl in Griechenland als auch in Rom deutlich gemacht, dass es sich bei dem Hestia/Vesta-Kult um einen der ältesten Kulte überhaupt handelt. Die Gedanken schweifen ab, gehen zurück in der Geschichte bis hin zur Entdeckung des Feuers und ich frage mich, ob es sich hierbei nicht tatsächlich um den ältesten Kult der Menschheit an sich handelt. Das Feuer bringt nicht nur Licht und Wärme, sondern sorgt auch für eine schmackhafte Nahrung. Und so ganz nebenbei hält es auch noch wilde Tiere fern. Hier schon früh eine kultische Verehrung zu vermuten ist also naheliegend. Umso ergreifender wird mit diesem Hintergrund der Gedanke an das Olympische Feuer: Auch heute noch ist die Entzündung des olympischen Feuers durchaus eine heilige Kulthandlung zu nennen - und Fackelträgerin sein zu dürfen, eine große Auszeichnung. Vermutlich ein Nachläufer eines Kultes, der annähernd so alt ist wie die Menschheit.

Hestia und Vesta lieben die runde Form, den Kreis. Der Herd, die Feuerstelle war zu damaliger Zeit rund, auch der Tempel der Vesta ist rund. Geehrt werden können sie durch das Entzünden eines (Herd/Lager)Feuers oder auch einer einfachen Kerze. Jede Nahrungszubereitung (Kochen, Backen) erfolgt ihnen zu Ehren. Hestia ist als mildtätig, gnädig, gerecht bekannt. Zugunsten von Dionysos verzichtet sie auf den Platz im Olymp.

Zu beiden - Hestia wie Vesta - gehört die Jungfräulichkeit, die Ungebundenheit, Unabhängigkeit von Vater oder (Ehe)Mann. Beide haben sich dem Liebeswerben bis hin zur Vergewaltigung entzogen und "durften" jungfräulich weiterleben. Im Vesta-Kult ist dies durch die Vestalinnen besonders überliefert: sie waren freie Frauen, hatten die selben, teils sogar noch mehr Rechte wie jeder (männliche) Bürger Roms. Sie durften Besitz haben, durften sich frei bewegen, sogar Wagen fahren. Außerdem hatten sie die Befugnis, Übeltäter zu begnadigen, wenn sie ihnen zufällig begegneten. Dies allerdings war an die Zufälligkeit der Begegnung gebunden. Das Vergehen der Unkeuschheit wurde jedoch mit dem Tod bestraft: die Vestalin wurde bei lebendigem Leibe eingemauert. Allerdings wurde diese Strafe praktisch nur in Krisenzeiten verhängt. Ging es Rom und den Römern gut, ließen sich entsprechende Vorwürfe immer aufklären.

Es gab jeweils sechs Vestalinnen, die im Alter zwischen sechs und zehn Jahren "ausgewählt" wurden und für dreißig Jahre ihren Dienst tun mussten: zehn Jahre Ausbildung, zehn Jahre Priesterinnendienst, zehn Jahre Lehrtätigkeit. Sie waren für das Feuer zuständig (es verlöschen zu lassen wurde als böses Omen ausgelegt und schwer bestraft). Wasser für den Tempel durfte nur von ihnen von einer bestimmten Quelle geholt werden. Sie waren zuständig für die Ausrichtung und Vorbereitung etlicher weiterer Festivitäten, wie z.B. dem der Tellus Mater, der Bona Dea, aber natürlich auch den eigenen Vestalia vom 9.-15. Juni gehend. Weiterer Feiertag war der 1. März, Neujahr, zu dem das Feuer gelöscht und neu entzündet wurde. So wie Jupiter bei allen Festen zuerst genannt wurde, stand Vesta die Ehre zu, stets die letztgenannte zu sein.

Zu Hestia sind keine festen Feiertage überliefert, aber es ist bekannt, dass bei einer Vermählung die Brautmutter mit einer Fackel aus dem eigenen Herd dem Paar voran in das neue Haus ging, um dort den Herd zu entzünden. Erst dann wurde aus dem Haus ein Heim. Weiter ist überliefert, dass Neugeborene am fünften Tag um den Herd getragen wurden, als Zeichen, dass sie von der Familie aufgenommen worden waren. Im Anschluss daran gab es natürlich ein entsprechendes Fest.
Ihre Verbindung zum Haus geht über den Herd hinaus, ihr wird die Kunst des Hausbaus zugeschrieben. So steht sie auch im übertragenen Sinn für das Ankommen in sich selber, für das bei-sich-sein bzw. -bleiben. Dieser Aspekt wird durch die symbolische Jungfräulichkeit, dem Nicht-Unterwerfen, noch gestärkt.

Hestia und Vesta lassen sich nicht vereinnahmen, bleiben bei sich und bilden mit ihren Kulten eine Art Insel in der jeweiligen Gesellschaft. Ein Teil davon ist heute in der Marienverehrung noch zu erkennen - was an sich aber kein Kunststück ist, da sie die einzige "legale Göttinnenverehrung" über lange Zeit darstellte und dies z.T. heute noch tut. So ist es also kein Wunder, dass sich die meisten Göttinnenkulte in Maria wiederfinden.

Einen Unterschied meine ich zwischen beiden jedoch auszumachen. So deuten die Quellen darauf hin, dass Hestia eher für "Normalsterbliche" zuständig war, Vesta mehr für hochrangige Persönlichkeiten (Kaiserfamilie) und den Staat an sich. Vielleicht wurde in Rom auch einfach mehr "Wirbel" um den Kult - des Kultes wegen - veranstaltet, so dass dieser Eindruck entsteht. Unter sungaya.de beispielsweise wird Vesta als römische Göttin des Staatsherdes benannt, Hestia als Schutzgöttin des häuslichen Friedens und Beistand aller Schutzflehenden. Hier wird übrigens Vesta als Erfinderin der Häuser benannt, dafür wird unterschlagen, dass sie auch die Schutzgöttin der Bäcker und Müller ist.

Abschließend kann ich nur feststellen, dass die Gemeinsamkeiten überwiegen und die beiden sich in den Unterschieden letztlich nur ergänzen. Selbst die Namen sind etwa gleichlautend. Da das Feuer nach wie vor einen wichtigen Teil unseres Lebens ausmacht, allerdings in geänderter Form, ist es spannend zu überlegen, wo und wie Hestia/Vesta von uns heute verehrt werden kann. Wo und was heute alles "brennt" und ob vielleicht so manche Eisen zuviel im Feuer sind? Der Blick aufs Wesentliche nicht mehr gewährleistet ist.

Weiterführende Literatur: (Buchlinks verweisen auf buecher.de - gewerbliches Angebot)

Marashinsky / Janto: Göttinnengeflüster
Hutzl-Ronge: Feuergöttinnen, Sonnenheilige, Lichtfrauen
Bolen: Göttinnen in jeder Frau

Links und Quellen:

http://de.wikipedia.org/wiki/Hestia
http://de.wikipedia.org/wiki/Vestalin
http://imperiumromanum.com/religion/antikereligion/vesta_01.htm
http://www.roemische-imperium.de/page/html_religion_05.html

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